Unterwegs mit Gott

Gedanken zu Texten von Pastorin Anke Schimmer.

Im vergangenen Jahr hat sich Pastorin Anke Schimmer
Gedanken gemacht zum Verlauf des Kirchenjahres.
Sie hat zur Bedeutung von kirchlichen Feiertagen und Festen
etwas geschrieben und darüber berichtet,
was diese Tage und Ereignisse
für uns bedeuten können oder
uns sagen wollen.
Dieses Jahr soll es um Glaubens- und
Lebenserfahrungen gehen.
Um Momente, Begegnungen, Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit Gott und der Liebe.
Immer geht es dabei auch um die Frage,
wie finden wir einen Weg zu uns,
zu innerem Frieden und zu Gott.
Im Mittelpunkt dieser Gedanken von Anke Schimmer stehen Texte – eigene oder die anderer Autoren. Gespräche und Anregungen zu diesen Texten in der Rubrik „Diskussionen“ bei uns im Netzwerk sind hoch willkommen.

Als ich mich Selbst zu Lieben begann
von Charlie Chaplin (Auszug)
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist – von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich. Das nennt man Vertrauen.
Als ich mich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, nicht gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich: Dass nennt man Authentisch-sein.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen, und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich: Dass nennt man Reife.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört. mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht, was ich liebe und mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich: Dass nennt man Ehrlichkeit.
Als ich mich selbst zu Lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das „gesunden Egoismus“, aber heute weiß ich: Dass nennt man Selbstliebe.
Als ich mich selbst zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit.
Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich: Das ist das Leben!
Mein Weg mit Gott ist ein Weg der Liebe, denn, so heißt es im 1. Buch Johannes, Kapitel 14: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Wie Liebe wirkt, beschreibt Charlie Chaplin in seinem Text sehr schön: Sie verändert uns, unsere Einstellung, unser Denken und unser Handeln.
Auch die Liebe zu uns selbst, um die wir oft ringen müssen, ist ein Geschenk Gottes. Denn er ist die Liebe. So, wie Gottes Liebe in Jesus Christus für uns Menschen erfahrbar wurde, so kann sie auch für uns selbst erfahrbar werden. Und dann wirkt sie, wie Charlie Chaplin in seinen Zeilen beschreibt: Als ich mich selbst zu lieben begann …
Anke Schimmer

Weihnachten – das Fest der Liebe
Wie war es in unseren Kindertagen, als wir dem Heiligabend entgegen gefiebert haben? Das letzte Türchen am Adventskalender morgens geöffnet – und dahinter das Bild von Maria und Josef mit dem Christuskind in der Krippe.
Den ganzen Tag voller Spannung und Erwartung ausgehalten, es kaum noch abwarten können bis zur Bescherung. Aber vorher noch der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes mit der Familie – das Krippenspiel in der Kirche. Und dann – der Weg nach Hause – die Spannung steigt – warten vor der verschlossenen Wohnzimmertür – vielleicht schon mal durchs Schlüsselloch blinzeln, um irgendetwas von dem Geheimnisvollen der Bescherung zu erheischen.
Und dann – endlich – öffnet sich die Tür. Der Lichterglanz des Weihnachtsbaums – vielleicht erklingen vertraute Weihnachtslieder wie „Stille Nacht – Heilige Nacht ! Alles schläft, einsam wacht, nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe in lockigem Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh“ oder „ Oh Du Fröhliche, oh du Selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue Dich oh Christenheit“.
Einen Augenblick nur in dem die Welt still steht. Einen Augenblick nur, in dem wir unser Herz schlagen hören. Einen Augenblick nur, in dem wir staunend und fasziniert das Heilige, das Wunderbare, das Staunenswerte erleben! Und dann – die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum! Die Freude über das was wir uns so sehr gewünscht haben.
Jedes Jahr aufs Neue feiern wir dieses hohe Fest – die Geburt Jesu – Gott kommt zur Welt – wird Mensch, wie du und ich. Und mit seiner Geburt berührt er unsere Herzen und Sinne auf ganz besondere Weise. So, wie uns die Geburt eines kleinen Kindes anrührt. Wir staunen, können es kaum fassen, was wir da sehen.
Und mit diesem Kind in der Krippe hat es etwas ganz Besonderes, Einmaliges und Einzigartiges auf sich. Gott selber kommt zur Welt – zeigt sich uns Menschen ebenso als Mensch – von der Geburt bis zum Tod – aber auch über den Tod hinaus. Das heißt Gott geht unseren eigenen Lebensweg mit; er lässt uns nicht allein auf unserem Lebensweg – er geht mit über alle Höhen und durch alle Tiefen. Und er zeigt uns damit seine Liebe.
Er selbst ist die Liebe wie es im Neuen Testament in der Bibel heißt. Und diese Liebe ist die Kraft, die unser Leben in dieser Welt verändern kann – zu einem Leben der Mitmenschlichkeit, der gegenseitigen Achtung und des Respekts. Zu einem Leben, in dem wir zum Frieden und zur Gerechtigkeit beitragen können. Zu einem Leben, in dem wir uns gegenseitig wertschätzen können und uns bei aller Unterschiedlichkeit so annehmen können, wie wir sind.
Das ist das Wunderbare, staunenswerte Geschenk von Weihnachten!

Advent
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzet, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.“
Das wohl bekannteste Adventslied stimmt uns ein auf die nächsten vier Wochen vor Weihnachten – die Adventszeit.
Schon die Melodie erzeugt eine feierliche besondere Stimmung, eine Sehnsucht nach Besinnlichkeit, aber auch Freude und Fröhlichkeit schwingen hier mit.
„Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsere Not zum End er bringt, derhalben jauchzet, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.“
Die Worte fordern uns auf, uns einzulassen auf das Kommen Gottes in unsere Welt, in unsere Stadt, in unser Land und vor allem in unser persönliches Leben. Da möchte Gott ankommen, im Leben eines jeden Menschen, unsere Herzen erreichen mit seiner Liebe, mit seiner Barmherzigkeit und Sanftmütigkeit.
„O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgeheim, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spät.“
Wenn wir diese Berührung in unserem Herzen spüren, mit all unseren Sinnen fühlen, dass dieser Gott es gut mit uns meint, dann wird unsere Sehnsucht gestillt nach innerem Frieden, nach Geborgenheit, nach Wärme, nach Verständnis, nach Angenommensein. Unsere Sehnsucht nach Liebe wird gestillt.
Die Zeit im Advent bereitet uns den Weg für diese Erfahrung – macht uns empfänglich für diese besondere feierliche Stimmung und lässt uns zugleich unsere tiefe Sehnsucht nach Freude, Heilung, Frieden und Liebe in unserem persönlichen Leben spüren.
Gott ist auf dem Weg zu uns, zu jeder und jedem Einzelnen, um uns zu beschenken.
Es ist an uns, unsere inneren Türen und Tore weit aufzumachen, damit Gottes Liebe unsere Herzen berühren kann.
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, euer Herz zum Tempel zubereit. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud, so kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich. Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad.“
Liedtext: Georg Wessel (1623/1643)

Novemberstimmung
Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Das Kirchenjahr geht bereits am kommenden Sonntag mit dem Ewigkeits- oder auch Totensonntag zu Ende. Der Totensonntag ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr – eine Woche vor dem ersten Advent.
Der November ist ein trüber, dunkler Monat mit wenigen Ausnahmen, an denen für ein paar Stunden Sonne die Herbstfarben in wärmendes Licht taucht.
Die Stationen des Kirchenjahres spiegeln unsere seelischen Grundstimmungen wider. An das Ende des Kirchenjahres, wenn die Zeit zwischen Morgen und Abend so kurz ist, fallen die Trauertage der Kirchen: das katholische Allerheiligen am 1. November und am 2. November Allerseelen, der Buß- und Bettag Mitte November, der Volkstrauertag zwei Sonntage vor dem ersten Advent, sowie der Ewigkeits- oder Totensonntag eine Woche später.
Diese christlichen Trauertage sind Haltepunkte im Laufe eines Jahres, die uns ermutigen oder trösten sollen. Zum Beispiel wenn wir im vergangenen Jahr einen uns nahe stehenden Menschen durch Tod oder Trennung verloren haben. Zugleich erinnern sie uns an die Vergänglichkeit des Lebens und die Allgegenwärtigkeit des Todes. Die katholische Kirche gedenkt an Allerheiligen wortwörtlich all ihrer Heiligen. Allerseelen ist der Tag, an dem durch Fürbitte und Gebet das Leiden der armen Seelen erleichtert und der Verstorbenen gedacht werden soll.
Für die evangelische Kirche wird am Buß- und Bettag reformatorische Frömmigkeit lebendig. Die erste der 95 Thesen, die Martin Luther 1517 in Wittenberg angeschlagen hat, thematisiert: Das ganze Leben soll als stete Buße begriffen werden. Das ist nicht nur äußerlich gemeint. Diese Buße ist auch eine Umkehr im Geist und in der Wahrheit. Das bedeutet, ich soll erkennen, dass ich als Mensch Fehler mache und auch schuldig werde durch mein Verhalten, mein Reden und Handeln. Denn ich bin als Mensch nicht unfehlbar oder perfekt.
Der Bußtag ist wichtig, weil er mir die Gelegenheit gibt, über mein Leben nachzudenken. Er fordert mich auf: Setze dich mit deinem Verhalten auseinander. Überlege dir, wie du mit Fehlern, Schuld und Schuldzuweisungen umgehst. Ich hinterfrage mich, wie weit ich zu den heillosen Zuständen in meinem näheren aber vielleicht auch ferneren Umfeld beitrage.
Die Bitte des Vaterunsers: „Und vergib uns unsere Schuld“ eröffnet mir einen Weg zum Umgang mit dem Scheitern. Wir kennen es sicherlich alle, wie es sich anfühlt, wenn Schuld schwer auf uns lastet, uns drückt, fast erdrückt und unseren Blick verdunkelt. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Dann ist es lebenswichtig, loszulassen, was uns bedrückt und quält, und die Kraft zum Leben nimmt. Dabei hilft uns die Hinwendung zu Gott im Gebet wie etwa im Vaterunser: Gott anzuvertrauen und zu überlassen, was unser Herz und unsere Seele belastet.
Wir sollen nicht einfach die Schuld abwälzen auf einen anderen Menschen, der sich dafür vielleicht gerade anbietet. Vielmehr sollen wir in uns selbst gehen, uns selbst begegnen in der Stille und darin Gott finden, der unseren Blick zum Leben wieder öffnet. Damit wir nicht in unserer Schuld gefangen bleiben müssen. Buße heißt Umkehr. Umkehren, wenn ich mich verrannt habe. Erkennen, dass ich mit Grenzen leben muss und jederzeit die Möglichkeit habe zu verändern, was ich als veränderungsnotwendig für mich erkenne.
Natürlich dient der Buß- und Bettag auch dem Nachdenken über gesellschaftliche Irrtümer und Fehlentwicklungen. Denn als Christ oder Christin trage ich sowohl für mich persönlich aber auch für das Leben in der Gemeinschaft Verantwortung. Der Bußtag ist auch ein Raum in der Öffentlichkeit für eine neue, kritische Lebensorientierung.
Zu den Gedenktagen im November zählt auch der Volkstrauertag, der seit 1952 auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge als staatlicher Gedenktag für die Opfer der Weltkriege und der Gewalt begangen wird.
Mit dem Ewigkeits- oder Totensonntag schließt das Kirchenjahr schließlich ab. Den Totensonntag gibt es seit 1816. König Friedrich Wilhelm III von Preußen widmete ihn dem Andenken an die Verstorbenen – insbesondere der vergangenen 12 Monate – deren Namen in vielen evangelischen Gottesdiensten verlesen werden.
Am Ewigkeitssonntag steht das Thema „Ewiges Leben“ im Blickpunkt – Leben, das über den Tod hinausreicht. Damit wird das irdische Leben, das mit dem Tod endet, nicht verharmlost. Vielmehr thematisiert dieser Feiertag die Hoffnung, dass es angesichts aller Erfahrungen mit dem Tod neues Leben und neue Lebensperspektiven gibt.

Ernte Dank – Bewahret die Schöpfung.
Am vorletzten Sonntag haben wir das Ernte Dank Fest gefeiert. Wir danken für die Früchte, die das Jahr erbracht hat. Wir danken für die Früchte, die uns über den Winter bringen und bis weit ins nächste Jahr hinein nähren werden. Der Herbst ist eine Zeit des Dankes.
Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Schöpfung – der Garten den wir bestellt haben – in dieser Zeit noch einmal von ihrer schönsten Seite zeigt. Erst an den Bäumen, dann auf den Böden verzaubern uns die Blätter mit ihrem leuchtenden Farbenspiel und ihrem wunderbaren Rascheln. Das Licht wird klarer, die Luft frischer und reiner. Der Wind frischt auf und bei uns hier im Norden werden die Meere nun wieder mächtig aufgewühlt.
Ich denke an ein Bild aus einer alten Bibel. Es zeigt in kreisrunder Form die Schöpfungsgeschichte. In der Mitte ein üppiger Garten, indem es blüht, wächst und gedeiht. In diese Pracht hineingelegt sind Adam und Eva, die ersten Menschen. Daneben steht die Gestalt Gottes. Als Schöpfer und Gärtner scheint er zu rufen: Möge es euch Menschen gelingen, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren in all seiner Schönheit. Damit ihr ihn eines Tages ebenso weitergeben könnt an eure Kinder und deren Kinder. So, wie ihr ihn auch empfangen habt.
Die Rede ist von der Bewahrung der Schöpfung. Die Schöpfung ist wie in dem Bild dargestellt die Gemeinschaft von allem Lebendigen. Der Kreis umgreift das gesamte Leben: Pflanzen und Tiere, Himmel und Erde, Wasser und Luft. Nichts ist überflüssig. Nichts darf heraus gebrochen werden, sonst gerät der Kreis aus den Fugen.
Wir Menschen sind Teil dieser Schöpfungsgemeinschaft. Wir können nur leben und überleben mit ihr. Niemals gegen sie. Die Schöpfung, der Garten, von dem und in dem wir leben, ist uns als Leihgabe von Gott anvertraut. So wie Gott dafür gesorgt hat, dass wir einen lebenswerten Lebensraum vorfinden, der uns Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Farben und Formen zum Schauen zur Freude schenkt. So haben wir Menschen dafür zu sorgen, dass dieser Lebensraum gestaltet und erhalten wird.
In diesen Tagen danken wir Gott für die Leihgabe, den Garten, die Früchte, die uns seine Schöpfung zur Verfügung stellt. Und wir erinnern uns daran, dass es unsere Aufgabe ist, diesen Garten zu hegen und zu pflegen, damit wir eines Tages unseren Kindern einen ebenso lebenswerten Lebensraum übergeben können. Denn auch sie können nur leben und überleben mit und in dieser Schöpfungsgemeinschaft.
Also: Der Ernte und Gott sei Dank.

Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes.
Pfingsten ist mit Ostern und Weihnachten das dritte große Fest im Kirchenjahr. An Pfingsten geht ein Versprechen in Erfüllung. Ein Versprechen, welches Jesus gab, als er sich an Himmelfahrt von den Menschen verabschiedete. Er sagte: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“
Eine Kraft soll über die Menschen kommen. Eine Kraft aus der Höhe, eine Kraft voller Liebe und Leben, in der Jesus und Gott gegenwärtig sind. Wenn diese Kraft – der Heilige Geist – in uns Menschen wirkt, begegnen wir dem lebendigen Gott, der uns näher kommt als wir denken.
Das Pfingstfest liegt nahe am Höhepunkt des Jahres. Wenn das Licht am längsten währt und am höchsten steht, beginnt der Sommer. Pfingsten ist damit auch ein Symbol für Kreativität und Neuanfang.
Was bedeutet Pfingsten für uns? Schauen wir auf die Bilder, von denen die Pfingstgeschichte erzählt.
Da ist die Rede vom Geist. Und von den Eigenschaften und Wirkungen, die ihm zugeschrieben werden. Ein heftiger Sturm bricht plötzlich los. So heftig, dass seine Wirkung in den Bäumen zu sehen ist. Sturm ist etwas, was uns ergreift. Eine Bewegung, die dieser Geist bewirkt.
Und dann sind da Feuererscheinungen über den Köpfen der Freunde Jesu. Sie sahen etwas wie Feuer. Etwas, das sich zerteilte und auf jeden von ihnen ließ sich eine Flammenzunge nieder, heißt es in der Apostelgeschichte. Daher kommt offensichtlich die Redewendung: Feuer und Flamme sein. Wenn Mensch für etwas entflammt sind, sich für etwas begeistern.
Die Geschichte hat schließlich ihren Höhepunkt: Menschen unterschiedlichster Völker und Kulturen kommen zusammen und verstehen einander. Auf wunderbare und unbegreifliche Weise findet eine neue Begegnung zwischen ihnen statt. Obwohl sie sich eigentlich gar nicht verständigen können, entwickeln sie ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.
Die Jünger von den großen Taten Gottes und ihrer Zuhörer verstehen es in ihrer jeweils eigenen Sprache.
Die „Ausgießung des Geistes“, so steht es geschrieben, geschieht Pfingsten. Dieses Geschehen hat Auswirkung auf die Gemeinschaft, auf das soziale Miteinander, auf die Verständigung der Menschen untereinander. Die Wirkungen des Geistes geschehen nicht persönlich oder innerlich. Alle Menschen sind nun einbezogen und was geschieht, widerfährt allen: Sie verstehen sich.
Die Sprache des Heiligen Geistes ist für alle verständlich. Es ist eine fühlende Sprache, so wie etwa das Füttern jeder Mensch versteht. Auch Lächeln wird überall und immer von Menschen verstanden. Auch Hilfe oder helfende Zuwendung wird von allen verstanden. Die zärtliche Sprache von Blicken, Augen, Händen, Lippen oder der Klang liebevoller Worte funktioniert über Rassen, Zeiten, Völker und Kulturen hinweg. Auch die Musik erreicht Herzen jenseits von Sprache.
Möglich, dass etwa Menschen mit geistiger Behinderung oder Menschen, deren Sprache wir nicht sprechen oder Kranke, mit denen wir nicht mehr wie gewohnt reden können, uns den Blick für jene Sprache schärfen, die allen Menschen gemein ist. Jene Sprache, die keine Worte, keine Strukturen und keine Grammatik braucht. Es ist eine fühlende Sprache.
Babys verstehen sie – die Sprache der zärtlichen Berührung, des Aufnehmens, Haltens und Wiegens. Und nicht nur Babys. Auch Kranke und Schwache verstehen die Kraft dieser Sprache. Wenn Menschen alt werden oder dem Tode nahe sind, auch dann verstehen sie die Sprache dieser ursprünglichsten aller Kräfte.
So empfangen wir Pfingsten Geist und Kraft, die uns verstehen lassen und verständlich machen über alle Grenzen hinweg – von Mensch zu Mensch.

Christi Himmelfahrt
Seit dem 4. Jahrhundert feiern Christen 40 Tage nach Ostern den Himmelfahrtstag. Im neuen Testament steht dazu folgende Geschichte:
Nach seiner Kreuzigung ist der vom Tod auferstandene Jesus Christus vor den Augen seiner Jünger aufgehoben worden. Dort heißt es: Eine Wolke nahm ihn auf und vor ihren Augen weg (Apostelgeschichte, Kapitel 1, Vers 9).
Vielleicht haben Sie vor Augen, wie Jesus auf einer Wolke in den Himmel aufsteigt und seine Jünger ihm nachschauen. Die Jünger können ihn nicht halten. Sie müssen ihn loslassen. Und sie bemerken: Er ist nicht mehr da. Sie sind allein.
Die Jünger möchten gerne festhalten, was Jesus ihnen gezeigt und vorgelebt hat. Nämlich die Welt mit den Augen der Liebe, durch die Augen Gottes zu sehen und zu lernen, wie sich dadurch die Herzen der Menschen öffnen, wie Vertrauen und Verständnis wächst, wie Leib und Seele geheilt werden, und wie sich die Welt und unser Leben ändern.
Himmelfahrt zeigt uns, dass wir manchmal Abschied nehmen müssen, um uns zu entwickeln. Denn so, wie es den Jüngern ging, geht es auch uns. Wir möchten gerne festhalten, woran wir uns gewöhnt haben. Wir möchten behalten, was wir als Bereicherung empfinden.
Doch Jesus zeigt uns wie schon seinen Jüngern: Es geht nicht darum, haben zu wollen, was wir als begehrenswert und wertvoll erachten. Es geht nicht um Besitz. Vielmehr geht es darum, dass wir etwas in uns selbst tragen. Dass etwas in uns wirkt, was wir als lebenswert erkannt haben. Dass wir etwas leben, was uns wichtig ist.
Nicht da draußen, nicht durch jemand anderen finden wir die Erfüllung unseres Lebens. Die Erfüllung finden wir nur in uns selbst. Nur in Freiheit und Unabhängigkeit können wir leben, was Gott uns durch Jesus Christus vorgelebt hat. Dafür müssen wir loslassen. So, wie die Jünger Jesus loslassen mussten, ihn mit seiner Wolke verlieren mussten, damit er in ihnen lebendig wurde. Damit er in ihnen wirkte.
Denn Seine Botschaft soll sich lösen von seiner Person, in seinen Jüngern und uns wahr und wirklich werden.
Der Himmelfahrtstag zeigt uns: Wir sind allein. Er, Jesus, ist nicht mehr da, nicht mehr sichtbar, nur noch gegenwärtig in Zeichen, Symbolen und Worten.
Insofern ist Himmelfahrt ein Trauertag. Ein Tag, an dem wir Abschied nehmen. Ein Tag, an dem wir verlassen werden.
Zugleich ist Himmelfahrt ein Reife-Tag. Ein Tag, an dem wir einen Schritt reifer werden. Ein Tag, an dem wir einen neuen Lebensabschnitt beginnen. „Jetzt müsst ihr mich vertreten“, sagt Jesus.
Darin liegt eine einzigartige Chance. Die Chance, zu sich selbst zu kommen, ein ständiges Selbst und selbst-ständig zu werden. Die Chance, selbst-bewusst zu werden. Die Chance, in sich selbst zu vertrauen und mit Selbst-Wertgefühl zu reifen. Das ist die Herausforderung, vor die Jesus uns und seine Jünger stellt.
Ohne seine Himmelfahrt, ohne seinen Abschied würden wir abhängig bleiben. So, wie seine Jünger haben auch wir die Chance, in uns reifen und wirken zu lassen, was er uns vorgelebt hat.
Nämlich die Welt mit den Augen der Liebe, durch die Augen Gottes zu sehen und zu lernen, die Herzen der Menschen zu öffnen und Wunder wahr werden zu lassen.

Ostern – das Fest des Lebens
Viele Menschen freuen sich auf die Osterfeiertage, mit der Hoffnung auf Sonne und blauen Himmel.
Groß ist die Sehnsucht nach warmen Frühlingstagen, nach Licht und Helligkeit, Zeit einmal auszuspannen und sich zu erholen oder mit der Familie und Freunden etwas zu unternehmen, Ausflüge oder Urlaub zu machen. Kurz – das Leben mit seinen schönen Seiten in vollen Zügen zu genießen.
Ostern ist das Fest des Lebens – das Fest der Auferstehung. Ostern ist die Freude darüber, dass das Leben den Tod bezwungen hat.
Und genau das scheint für viele unbegreiflich – so wie das leere Grab am Ostermorgen.
Noch drei Tage zuvor am Karfreitag ist Jesus am Kreuz gestorben, und mit seinem Tod waren auch alle Hoffnungen auf ein neues, besseres Leben für viele Menschen mit gestorben und begraben.
Und dann die überwältigende Nachricht am Ostermorgen: Jesus lebt! Aber wie soll man sich das vorstellen?
Für die Frauen, die am Ostermorgen als erste zur Grabstelle kommen, ist es unfassbar, was sie dort erleben. Sie können es nicht verstehen, was dort geschehen ist: Der Grabstein ist beiseite geräumt, und das Grab ist leer. Plötzlich erscheinen ihnen zwei Männer im glänzenden Gewand, zwei Engel und fragen: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden.“ Und die Frauen erinnern sich, dass Jesus ihnen das alles voraus gesagt hatte.
In der Finsternis des Grabes, in der unfassbaren Leere, wird es mit einem Mal hell. Der Glanz der Engel vertreibt die Dunkelheit, das Leben erscheint in neuem Licht.
Der Weg mit Jesus ist nicht zu Ende. Er begegnet uns aber anders, als wir ihn erwarten.
Vielleicht kennen Sie das? Plötzlich, ganz unverhofft, werden wir von einem Ereignis oder einer Begegnung überrascht, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. Wir werden in einer Weise angesprochen, durch die wir uns verstanden und angenommen fühlen. Wir werden tief in unserem Herzen berührt, und nehmen unsere momentane Lebenssituation als verändert wahr.
Das, was unser Leben zeitweise verdunkelt, schwer auf uns lastet, ja uns sogar verzweifelt sein lässt, weicht einer Hoffnung. Wir bekommen einen neuen Blick, eine Lösung zeichnet sich ab, jemand teilt mit uns die Last – das Leben verändert sich und bekommt eine neue Perspektive. Es wird hell – wir schöpfen neue Kraft, um wieder aufzustehen und unser Leben aktiv zu gestalten.
Das ist die Erfahrung von Ostern. Die Erfahrung von der Auferstehung, einem neuen Leben, das uns die Freude und Fülle erkennen lässt ohne die Schattenseiten des Lebens ausblenden zu müssen.
Ich wünsche Ihnen frohe Ostern, mit der Hoffnung auf Sonne und einen offenen Himmel.

Passionszeit
In 3 Wochen ist Ostern. Doch noch befinden wir uns mitten in der Passionszeit – was so viel heißt wie: die Zeit des Leidens.
Diese Zeit erinnert an den Leidensweg unseres Herrn Jesus Christus. Sie beginnt am Aschermittwoch und endet am Karfreitag. Das ist der Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde.
Es ist eine Zeit der Vorbereitung, die in der christlichen Tradition auch als Fastenzeit begangen wird.
Dazu gehört für Manche der Verzicht auf Überflüssiges. Das könnten zum Beispiel Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten oder auch das Fernsehen sein. Andere essen in diesen Wochen wenig oder gar nichts. Dieses Fasten sollte allerdings nur unter ärztlicher Anleitung oder in Begleitung geschehen.
Das Fasten dient unter anderem dazu, unseren Körper innerlich zu reinigen – aber auch unsere Seele.
Auf diese Weise können wir erfahren, wie sich der Verzicht, die Reinigung, die Leere anfühlt. Wir nehmen wieder neu Kontakt mit uns auf, mit unserem Körper, unseren eigenen Grenzen, unseren Abhängigkeiten und Sehnsüchten.
Es ist eine ganz besondere Auseinandersetzung mit uns selbst. Sie kann uns zu einer neuen Begegnung mit Gott führen, der diesen Weg mitgeht.
Ein Wort aus der Bibel macht uns diese Erfahrung mit Hilfe eines Bildes deutlich. Dieses Wort steht im Johannes-Evangelium, im 12. Kapitel, Vers 24:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Erst wenn das Weizenkorn – ein Same also – in die Erde kommt, erwächst daraus etwas Neues. Der Same verändert in der dunklen Erde seine ursprüngliche Form – er stirbt. Doch mit Hilfe der Sonne und des Regens fängt tief unter der Erde etwas Neues an zu wachsen. Bis eines Tages ein zarter, grüner Halm den Erdboden durchbricht und aus dem zarten Keim eine neue kraftvolle Pflanze entsteht.
Wir kennen dieses Bild: Am Anfang des Frühlings schmücken die ersten Krokusse, Märzbecher, Schneeglöckchen und Narzissen mit ihren leuchtend bunten Blüten allmählich die Gärten und erfreuen unser Herz.
Neues Leben erwacht – die Hoffnung nach Wärme und Licht.
Die Schöpfung lässt uns jedes Jahr neu teilhaben an den Veränderungen der Natur – am Werden und Vergehen, am Sterben und am neuen Leben.
Auch wir Menschen machen diese Erfahrung. Manchmal ist es dafür notwendig, sich von alten Gewohnheiten zu reinigen, auf Überflüssiges zu verzichten, oder Dinge, die uns gefangen halten, los zu lassen und uns zu befreien. Es tut gut und in unserem Leben kann Neues erwachen.
Die Passionszeit lädt uns dazu ein.

Jahreswechsel
Ein bekanntes Kirchenlied, das uns beim Jahreswechsel begleitet, hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer geschrieben.„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Diese Gedanken hat Bonhoeffer aufgeschrieben, als er in der Zeit des Nationalsozialismus im Gefängnis saß und auf seine Verurteilung bzw. seine Hinrichtung wartete. Im Angesicht des Todes richtet sich sein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, von dem er jeden neuen Tag entgegen nimmt und in dessen Macht er sich aufgehoben und geborgen weiß.
Wenn wir in ein neues Jahr gehen, erwarten wir auch getrost, was kommen mag? Richten wir unser Vertrauen auf Gott, der bei uns ist am Morgen und am Abend und ganz gewiss an jedem neuen Tag?
Der Jahreswechsel – Sylvester – liegt in der Mitte der dunklen Jahreszeit, in der es kalt ist und die Natur sich zurückgezogen hat. In allen Kulturen bis in unsere Gegenwart hinein wird das Ende des alten Jahres und der Anfang des neuen Jahres mit viel lärmenden und lauten Bräuchen begangen. Dabei wollte man böse, alte Geister vertreiben. Heute glauben die Menschen – angeblich – nicht mehr an solche Geister. Was aber wollen wir vertreiben? Vielleicht machen wir soviel Lärm, weil es so viele innere Stimmen gibt, die wir vertreiben wollen. Vielleicht machen wir auch so viel Licht durch die leuchtenden Feuerwerke, weil sonst so viel Dunkles in uns aufsteigt, dem wir lieber ausweichen und das wir vermeiden wollen? Vielleicht berauschen wir uns auch, weil wir nicht an uns heran lassen wollen, dass etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues, Unbekanntes beginnt?
Mag sein, dass die üblichen Rituale zum Jahreswechsel mit Böllern und Feuerwerk, mit Rausch durch Alkohol uns davon abhalten, uns dem zu stellen und damit auseinanderzusetzen, dass ein wesentlicher Abschnitt zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Vielleicht weichen wir lieber der Trauerarbeit aus, die wir leisten müssten, weil manches nicht so verlaufen ist, wie wir es uns gewünscht hätten; vielleicht haben wir auch manches falsch gemacht, Fehler gemacht, Schuld auf uns geladen und bedauern das eine oder andere. Vielleicht können wir das Neue, Unbekannte, das auf uns zukommt, nicht als positive Herausforderung sehen, haben Angst und fürchten uns vor dem, was kommt.
Sicherlich werden auch deshalb zum Jahreswechsel Karten gelegt, Blei gegossen und vieles andere mehr, um den Vorhang zum Ungewissen ein bisschen zu lüften, um wissen zu wollen, was vor uns liegt.
Jahreswechsel heißt jedoch auch, den Weg durchs Jahr rückblickend und erwartungsvoll voraus blickend, sich den Fragen zu stellen, die wir an dieser Schaltstelle gerne verdrängen, verleugnen, beschönigen oder vermeiden möchten.
Im Vertrauen darauf, dass Gott unseren Weg durchs Jahr mitgeht – über alle Höhen und durch alle Tiefen – dürfen wir uns in ihm wunderbar geborgen fühlen und können getrost erwarten, was kommen mag.